Evangelische Kirchengemeinde Menden - Wort zum Sonntag


Wort zum Sonntag

Nimm's leicht? Nimm's schwer!


Frank Fiedler, Pfarrer der Evangelischen
Kirchengemeinde Menden
Liebe Leserinnen und Leser, ein „Wort zum Sonntag“ soll nicht zu schwer sein. Kein langer und kein schwieriger Text, man will schließlich viele erreichen. „Machen Sie es doch sich und damit auch uns nicht so schwer!“ Doch nun ist das mit dem allseits beliebten „Nimm's leicht!“ so eine Sache. Denn nicht immer ist ja das Leichte auch das Angemessene. Zuweilen kann es geradezu leichtsinnig sein, die Dinge oder gar Menschen leicht zu nehmen.
Im Hebräischen, in der schönen Muttersprache des himmlischen Vaters, kann man dazu ein paar bedenkenswerte Hinweise finden. Im 1. Buch Mose 8,21 verspricht Gott am Ende der Sintflut: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen.... Das hebräische Verb „verfluchen“ (kalal) hat auch die Bedeutung „leicht nehmen“ und damit „geringachten“.
Es könnte also bisweilen verflucht leichtsinnig sein, etwas auf die leichte Schulter zu nehmen.
Gibt es nicht Angelegenheiten, denen man gerade dadurch angemessen begegnet, dass man der ihr innewohnenden Bedeutung Rechnung trägt, ihr Gewicht, die Gewichtigkeit und damit ihre Würde und Ehre eben nicht leicht nimmt und gering schätzt? - So hat das hebräische Wort kavod auch die Bedeutung „schwer“, „gewichtig“, „geehrt“, „Würde“, „Herrlichkeit“.

Die Texte der Bibel kann ich nicht „leicht nehmen“, weil uns doch verheißen ist, dass Gott selbst durch sie zu uns sprechen will. Wie sollten da diese Texte, ja Worte und sogar Buchstaben nicht ihr ganz eigenes Gewicht, ihre ganz unvergleichliche Würde und zugegebenermaßen auch manchmal Schwere haben?!
So könnte für den Umgang mit der Bibel gelten, dass uns gerade die bekannten, vertrauten und vermeintlich leicht zu verstehenden biblischen Texte erst einmal fremd werden müssten, damit sie ihr Gewicht und ihre Würde behalten und so vielleicht Gott ganz neu zu uns sprechen und uns ansprechen kann.

Ich weiß, die biblischen Texte sind den meisten Menschen zunehmend fremd, unbekannt und zuweilen schwer oder gar nicht verständlich. Und das ist oft auch richtig so. Die biblischen Worte haben etwas Fremdes, Befremdliches, Fernes und Irritierendes. Wir sollten es ihnen lassen. Bevor wir die Schwierigkeiten überspringen – und etwa mit dem Unterton tiefer Betroffenheit treuherzig behaupten: Ich bin wie Zachäus, ich fühle mich wie Jona im dunklen Bauch des Walfisches, sind wir nicht alle irgendwie auf der Wanderung in der Wüste, ich kann Maria gut verstehen, mir geht es wie Lazarus usw. – lassen wir lieber den biblischen Worten ihre Fremdheit und Würde. Vielleicht gilt ja für die Fremdheit biblischer Worte, die zeitlich und räumlich von weit her kommen, was für fremde Menschen gilt: Erst wenn das Fremde als Fremdes zur Bereicherung meines Lebens wird, kann es mir anderes sagen als das, was ich mir selbst sagen kann.

Auch jetzt am Ende noch einmal ein Hinweis auf ein hebräisches Wort: nakar heißt soviel wie „genau anschauen“ und ist verwandt mit dem Wort für „den Fremden“. Das Fremde ist das, was man genau anschauen muss - nicht das, was man lieber nicht sehen will. Bei schweren biblischen Worten muss man also genau hinschauen, so werden wir vor unserer versteckten Fremdenfeindlichkeit gegenüber „schweren“ Bibeltexten bewahrt.

Ihr Frank Fiedler, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Menden

 


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