Evangelische Kirchengemeinde Menden - Erinnerung


Erinnerung an Jochen Klepper


Frank Fiedler, Pfarrer der
Evangelischen Kirchengemeinde Menden
Liebe Leserinnen und Leser,
heute ist der 9. November. Ich möchte an Jochen Klepper erinnern, den Schriftsteller und Liederdichter. Er ist in der evangelischen Kirche nach Martin Luther und Paul Gerhardt der dritthäufigste Autor. Vielleicht kennen Sie Lieder wie „Die Nacht ist vorgedrungen“ oder „Er weckt mich alle Morgen“.
Am 28. März 1931 heirateten Jochen Klepper, Protestant, und Johanna Stein, Jüdin. Johanna Stein brachte als Witwe zwei Töchter mit in die Ehe. Im Herbst 1932 zog die Familie nach Berlin; Jochen Klepper fand eine Anstellung beim Berliner Rundfunk. Da Klepper bis zum Oktober 1932 Mitglied der SPD gewesen war, wurde er Mitte 1933 entlassen. 1937 wurde Jochen Klepper aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot und Arbeitslosigkeit gleichbedeutend war.

Am 10. November 1938 ist sein Tagebuch ( „Unter dem Schatten deiner Flügel“) mit folgendem Losungstext überschrieben:
Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass sich dein Volk über dich freuen möge? Herr, erzeige uns deine Gnade und hilf uns! Psalm 85,7.8
Heute sind alle Schaufenster der jüdischen Geschäfte zertrümmert und in den Synagogen ist Feuer gelegt, doch ungefährlich. Dass die Bevölkerung wieder nicht dahintersteht, lehrt ein kurzer Gang durch jüdische Gegenden; ich habe es selber gesehen, denn ich war heute Morgen gerade im Bayerischen Viertel (in Berlin). Was wird man an Maßnahmen wieder aus diesem neuen ‚Aufflackern der Volkswut‘ ableiten? Es ist ein neuer, furchtbarer Schlag. Viele glauben, dass es bei der wachsenden Wohnungs- und Geschäftsnot nun an die jüdischen Wohnungen und -läden geht, wie bei den Anwälten und Ärzten, und dass der Gedanke eines Barackenghettos immer näher rückt. ‑ Im Reich mehrere Synagogen niedergebrannt. Nach einer Auswahl, die unergründlich ist, werden jüdische Männer aus ihren Wohnungen von der Geheimen Staatspolizei weggebracht. Wie man im Schlafe aufschrickt ‑ als würden Hanni, Brigitte, Renerle abgeholt ‑, das sagt genug.“

Im selben Jahr noch, am 18. Dezember 1938, lässt sich seine Ehefrau taufen, nicht zuletzt deshalb, weil beide hoffen, so der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entkommen zu können.
Doch die Taufe bietet keinen Schutz, weder vor dem tödlichen Zugriff des Staates noch vor dem gleichermaßen tödlichen Verrat der Kirche. Als Jochen Klepper aus der Zeitung vom Ausschluss aller Judenchristen und Judenchristinnen aus der evangelischen Landeskirche Thüringens liest – es ist der 28. Februar 1939 – da notiert er tief bestürzt in sein Tagebuch:
„Das habe ich nicht für möglich gehalten. Ich sehe darin das Ungeheuerlichste, das bisher im Dritten Reich geschehen ist“.
Die ältere Tochter Brigitte kann kurz vor Kriegsausbruch über Schweden nach England ausreisen. Im Juni 1940 wird die Tochter Renate getauft. Im Jargon der Zeit wurde aus der konfessionellen Mischehe eine „rassenverschiedene Mischehe“ von Christen. Für ihr weiteres Schicksal war das ohne jede Bedeutung, denn für die Nationalsozialisten war die Taufe belanglos und allein die angebliche „Rassenzugehörigkeit“ entscheidend. Es gab 40.000 bis 50.000 solche Mischehen, in denen der christliche Ehepartner das Schicksal des jüdischen Ehepartners teilte, obwohl er oder sie selbst nicht zu der verfemten Gruppe gehörte und sich durch Scheidung leicht der Verfolgung hätten entziehen können.

Jochen Klepper und seine Frau werden von den Nazis mit der Zwangsscheidung bedroht. Unmittelbar danach würde für seine geschiedene jüdische Frau Johanna die Deportation erfolgen, und Jochen Klepper weiß, dass er seiner Frau nicht wird beistehen dürfen. Er weiß, dass Familien auf den Transporten ostwärts in den Tod auseinandergerissen werden, der sog. „arische Teil“ vom „nichtarischen Teil“ gewaltsam getrennt wird. Die beiden und ihre Tochter Renate nehmen sich in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 durch Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben.
Die letzte Tagebucheintragung Kleppers vom 10.12.42 lautet so: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben“.
Insgesamt 349 Synagogen und Beträume, die sich in Nordrhein-Westfalen befunden haben, sind in den Pogromen vom 9. auf den 11. November 1938 zerstört und geschändet worden oder mussten unter Zwang aufgegeben werden. Auch die Mendener Synagoge war betroffen.
Frank Fiedler

 

 


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