Evangelische Kirchengemeinde Menden


Wort zum Sonntag


Frank Fiedler, Pfarrer der
Evangelischen Kirchengemeinde Menden
„Das war Spitze!“
Kennen Sie noch diesen Ruf aus der Fernsehsendung „Dalli-Dalli“, - früher im ZDF zu hören? Er stammt aus eine Rate-Show, die von Hans Rosenthal moderiert wurde und die vor 50 Jahren, am 13. Mai 1971, Premiere feierte. Bis 1986 führte Hans Rosenthal durch die Sendung. In jeder Sendung fragte er sein Publikum „Sie sind der Meinung, das war …?“, worauf das Publikum stets begeistert „Spitze!“ rief, während Rosenthal einen – im Fernsehbild kurz „eingefrorenen“ – Luftsprung vollführte, der sein Markenzeichen wurde.

Vier Zweier-Teams kämpften bei Assoziations- und Geschicklichkeitsspielen um eine möglichst hohe Punktzahl. Diese kam, in einen Geldbetrag umgerechnet, Hilfsbedürftigen zugute.
Donnerstags abends lief Dalli-Dalli auf vielen Fernsehern, und ich durfte als Schüler mitgucken.

Verwundert war ich, vielleicht 10 Jahre alt, als eine Großtante zu Besuch war und beim Zuschauen die absonderliche Bemerkung machte: „Guck mal, der hat eine Judennase.“ Mir sagte das damals wenig, die Serie „Holocaust“ wurde im deutschen Fernsehen erst 1979 ausgestrahlt. Ich bin kein Jude, in meiner Familie haben einige große Nasen, - die Nase von Hans Rosenthal war mir nie aufgefallen.

Heute weiß ich: Der 1925 geborene Hans Rosenthal war Berliner, aufgewachsen in einer jüdischen Familie, und nur mit viel Glück überlebte er den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg.
Nach dem Tod der Mutter kam er mit seinem Bruder in ein Heim für Waisen und bekam den Zwangsnamen Hans Israel Rosenthal. Sein Bruder wurde 1942 deportiert und im Konzentrationslager Majdanek ermordet. Hans Rosenthal musste ab 1940 Zwangsarbeit leisten, er arbeitete unter anderem als Totengräber. Ende März 1943 tauchte er in einer Berliner Kleingartenanlage unter und überlebte bis zum Kriegsende in einem Versteck.

Seit den 60er Jahren engagierte sich Hans Rosenthal im Zentralrat der Juden in Deutschland. Als Kind und Jugendlicher hatte ich davon nie gehört. Mich erstaunte später, dass er in diesem Deutschland, das ihm und seiner Familie so viel angetan hatte, eine Unterhaltungssendung moderierte. Er hat aber nicht nur diese Show gemacht, er hat auch davon erzählt, was ihm hier widerfahren ist. 1980 veröffentliche er seine berührende Autobiografie Zwei Leben in Deutschland. Drei Jahre später verarbeitete Hans Rosenthal in einem anderen Fernsehformat die Zeit des Nationalsozialismus in einer Unterhaltungssendung: Das gibt’s nur einmal – Noten, die verboten wurden. Seine Schlussansage lautete damals: „Vor 50 Jahren fing alles an, und wir alle können nur hoffen, dass diese Vergangenheit keine Zukunft hat!“ Ich bin der Meinung, „das war Spitze“.

1987 ist Hans Rosenthal mit 61 Jahren in Berlin verstorben. Morgen heißt es im Predigttext bei Hesekiel: „Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.“


Frank Fiedler,
Pfr. der Evangelischen Kirchengemeinde Menden


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